17. März 2026

Gedanken zu Siegfried Lenz: "Florian, der Karpfen" (aus der Reihe: Siegfried Lenz zum 100.)

Siegfried Lenz und ich haben etwas gemeinsam: Wir beide haben eine Verbindung zu Karpfen ebenso wie zum Wasser. Das glaubt ihr nicht? Es ist wahr! Das werde ich euch hier erzählen.

Cover der von Marie Abramowicz illustrierten Ausgabe von "Florian, der Karpfen" (erschienen in der Büchergilde Gutenberg). Foto: Mercedes Gundermann/www.mercedes-gundermann.de

Obwohl ich selbst nicht am Meer groß geworden bin, stammt doch eine Hälfte meiner Familie von der Ostsee, genauer von Usedom. Nur fünfzig Meter von den weißen, sandigen Dünen entfernt lebte meine Uroma Paula. Und natürlich waren wir als Kinder im Sommerurlaub immer auf der schönen Insel. Am liebsten bauten wir Kleckerburgen so hoch wie möglich. Oder wir gruben Löcher, bis wir darin stehen konnten und das Wasser an den braungebrannten Füßen spürten. Am Abend gab es oft geräucherten Aal, denn meine Familie stammte von Fischern ab, die ihr Handwerk eindeutig verstanden. Ich habe nie leckereren Fisch gegessen als dort. Bei unseren Streifzügen entlang des Strandes entdeckten meine Schwester und ich öfter mal kleine Fische in Not, die angespült worden waren. Wir nahmen sie behutsam auf, wateten so weit wie möglich ins Wasser und entließen sie wieder ins kühle Nass. Das waren schöne Erinnerungen. Eine ist mir jedoch besonders im Gedächtnis geblieben.

Eines Tages brachte mein Vater uns frischen Karpfen vom Markt mit nach Hause, eingepackt in einer Tüte. Wir bereiteten bereits alles fürs Mittagessen vor, als die Tüte verdächtig anfing zu wackeln. Wir dachten zuerst, wir hätten uns verguckt, aber nein! Sie bewegte sich wieder und wieder. Schnell wickelten wir den Fisch aus und weil wir ihn nicht leiden lassen wollten, und mein Vater ihn nach kurzem Blick in die Kulleraugen auch nicht töten konnte, setzten wir ihn geschwind in die Badewanne. In der blieb er erstmal, bis wir berieten, was wir nun machen sollten. Ich taufte den Kleinen in der Zwischenzeit Fritz. Fritz, der Karpfen. Und Fritz und ich verbrachten einen schönen Nachmittag miteinander. Ich streichelte ihn immer wieder und las ihm zur Beruhigung aus meinem Märchenbuch vor. Fritz schaute dabei neugierig zu mir auf, während er in seinem ungewöhnlichen neuen Zuhause seine Bahnen schwamm. Irgendwann stand dann die Lösung fest: Mein Vater würde Fritz zu einem nahegelegenen See bringen. Der Abschied fiel mir sehr schwer, hatte ich den kleinen Kerl doch schon unglaublich liebgewonnen. Und so blieb ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurück.

Auch heute denke ich noch oft an meinen Fritz zurück und hoffe, dass er noch ein langes, schönes Karpfenleben vor sich hatte. Auf jeden Fall mit einem Abenteuer, das auch er nicht vergessen haben dürfte.

Und so komme ich zurück zu Siegfried Lenz, der heute seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, und der seine Karpfen ebenso liebte wie ich meinen. Während er früher leidenschaftlich gern angelte, hielt er später Karpfen in seinem Gartenteich und gab das Angeln und Verspeisen derselben aus Liebe zu ihnen auf. Er hat sogar ein wundervolles Märchen über einen von ihnen geschrieben: „Florian, der Karpfen“. (Offenbar sind Karpfen für Namen mit F prädestiniert.)

Die Geschichte wurde 1953 als Kinderhörspiel verfasst und 2021, also nach Siegfried Lenz’ Tod im Jahr 2014, vom Hoffmann und Campe Verlag veröffentlicht. Im Jahr 2023 hat die Büchergilde Gutenberg die Geschichte ebenfalls noch einmal herausgebracht: in einer hochwertigen, jadegrünen Leinenausgabe und mit herrlichen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Marie Abramovicz, die einem ein Stück des Zaubers direkt vor Augen führen. Die großen, detailgetreuen Zeichnungen erstrecken sich oft über eine Seite, manchmal sogar über eine Doppelseite und sogleich möchte man den abgebildeten Tieren einmal "Hallo" sagen, so einzigartig sind sie gestaltet. Auch die restliche Gestaltung ist alles andere als gewöhnlich. So stehen die Seitenzahlen oben, luftig, und der Rest des Textes liegt auf dem Grund des Bodens, bildet also die Grundlage der Geschichte, könnte man meinen.

Worum geht es aber nun in Lenz’ Märchen, dieser Ode an seine fischigen Freunde? Da wäre zunächst einmal Karlchen, ein kleiner Junge, der sich fragt: Warum haben die Fische solch’ eine faszinierende Schwimmblase und ich nicht? Und woher haben sie die? Und weil ihn diese Frage nicht loslässt und er unbedingt auch eine haben will, reist er mit zwei Haubentauchern über den See – und auch hinein – um dieses wahrhaft knifflige Rätsel zu lösen. Doch so sehr es auch versucht, keiner der fischigen und nicht-fischigen Seebewohner will ihm eine Antwort geben: weder der Krebs Hans von Zwickau noch das Brassenmädchen Rosa oder die singenden kleinen Bärsche. Bis ihm doch noch jemand einen Tipp gibt und ihn zu Florian führt. Florian, dem Karpfen, der nicht nur uralt ist, sondern auch über eine besondere Gabe verfügt…

Es ist ein schönes, leichtes Märchen, wahrlich eine Ode an den Karpfen, das man dank der flotten und doch poetischen Schreibweise in einem Rutsch durchgelesen hat. Es zeigt, dass manches Geheimnis manchmal besser im Verborgenen bleiben sollte und dass wir die Wunder der Natur mehr achten und wertschätzen sollten. Es ist gut geeignet für Kinder zum Vorlesen, die Fische lieben, aber auch für alle anderen Natur- und Tierliebhaber, die sich für Lenz’ Werk interessieren. Und am Ende möchte man noch mehr über all die eigentümlichen Wesen erfahren, die sich in diesem kleinen See tummeln und deren Charakter und Seele Siegfried Lenz hier so wunderbar humorvoll und zärtlich eingefangen hat.

Das Buch im Überblick:
Autor: Siegfried Lenz
Illustrationen: Marie Abramowicz
Verlag: Büchergilde Gutenberg (Erscheinungsjahr 2023) / Hoffmann & Campe (2021)
Format: Gebundene Ausgabe, Leinen, ca. 48 Seiten
ISBN: 978-3-7632-7450-2
Preis: 18,00 € (Gildenpreis) / 24,00 € (Ladenpreis)
Genre: Erzählung / Märchenhafte Fabel

Transparenzhinweis:
Dieses Exemplar stammt aus meinem persönlichen Bestand als Gildenmitglied. Meine Meinung ist, wie immer, so frei wie ein Karpfen im Teich.

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